Berlin, 29.Mai 2010/cw – Die Torgauer Zeitung berichtet unter der Überschrift „Opfer des Stalinismus ehrten Nazi“ über die Anbringung einer Erinnerungstafel für den „Engel von Torgau“, Professor Friedrich Grimm. Grimm, der 1947 von einem sowjetischen Militärtribunal verurteilt und im Torgauer Speziallager interniert wurde, soll dort Mithäftlinge als Arzt aufopfernd unterstützt haben.
Nun hatte Rudolf Hinrichs, der Vorsitzende der Torgauer Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS) am Holzkreuz für die Opfer der Gewaltherrschaft am Fort Zinna eine Ehrentafel befestigen lassen, die bereits 1996 auf dem Evangelischen Friedhof aufgestellt worden war.
Der Redakteur der TZ, Uwe Gutzeit, bezeichnet dies nun in seinem Bericht als „eklatanten Vorfall“ und unterstellte den Opfern des Stalinismus, sie ehrten (damit) einen ehemaligen Nazi. Als Begründung führt Gutzeit an, der so Geehrte habe seinerzeit eine medizinische Doktorarbeit an den Buchenwald-KZ-Arzt Erich Wagner vergeben. Gutzeit unterstellt Grimm immerhin nicht eine Beteiligung an den grausamen und unentschuldbaren Versuchen des KZ-Arztes.
http://www.torgauerzeitung.com/Default.aspx?t=NewsDetailModus(49991)
Die pauschale Verunglimpfung von Opfern des Stalinismus empört nicht nur die Mitglieder dieser größten Opferorganisation der ehemaligen kommunistischen Diktatur. Auch andere Organisationen sind empört über Art und Form der Auseinandersetzung mit durchaus „nachdenkenswerten und kritikwürdigen Vorgängen“ um die Erinnerung.
So wandte sich die Vereinigung 17. Juni 1953 aus Berlin in einem Leserbrief an die Redaktion der TZ. Der Vorsitzende, Carl-Wolfgang Holzapfel, schrieb:
„Ihr Vorwurf ist nicht nur leichtfertig, er beleidigt die Opfer
der DDR-Diktatur. Es mag ja unglücklich gewesen sein, ohne Abstimmung die
fragliche Tafel zu installieren, aber dem Akteur oder gleich einer ganzen
Gruppe eine "Ehrung eines Nazi" zu unterstellen, geht einfach zu weit und ist
eine Beleidigung. Die VOS (Vereinigung der Opfer des Stalinismus) mag ja einige
Fehler machen oder haben, aber mit Neo-Nazismus haben die Opfer des Stalinismus
nichts am Hut.
Im Gegenteil: Seit einigen Jahren ehren die Opfer des Stalinismus jeweils am 17. Juni nach der Ehrung der Opfer des Stalinismus auch die Opfer des Nationalsozialismus. Interessanterweise wird diese Ehrung öffentlich nicht wahrgenommen, ein Schild in Torgau hingegen schon.
Das erinnert fatal an die Diskussion um Dr. Walter Linse vor einigen Jahren, als man der Gedenkstätte Hohenschönhausen fälschlich unterstellte, sie stehe den Nazis nahe, weil sie die Verstrickungen Linses in das NS-System ungenügend beachtet habe. Auf mögliche Fehler aufmerksam zu machen, ist die eine Seite. Die Gelegenheit zu nutzen, um zu diffamieren, eine andere.“