Gabriel Berger hat recht, die Verdienste von Joachim Gauck sind groß, seine Persönlichkeit überzeugt. Allerdings kann ich bis hierhin keinen Unterschied zu Christian Wulff ausmachen. Und das der eine Kandidat Bürgerrechtler war, der andere „nur“ Ministerpräsident und CDU-Politiker: Reicht das, um den wesentlichen Unterschied zwischen zwei hochkarätigen Persönlichkeiten zu verdeutlichen?
Ehrlich gesagt, hätte ich mir eine Frau in diesem Amt gewünscht. Und Ursula von der Leyen wäre eine respektable und überzeugende Person für dieses Amt gewesen. „Uschi for president(in)“ hatte ich bereits euphorisch auf ein T-Shirt getitelt. Aber ehrlich: Wenn nicht Ursula von der Leyen von den Medien (oder wem auch immer) so stark in den Vordergrund geschoben worden wäre, hätte dann die SPD nicht auch (wieder) eine Frau nominiert? Warum sollte nach nur zwölf Monaten eine andere Begründung herhalten? Hatte die SPD nicht noch im letzten Jahr die Notwendigkeit einer Frau für dieses Amt postuliert und Gesine Schwan ins Rennen geschickt? War sie dann doch nicht so überzeugend in den eigenen Reihen und eher dem taktischen Zählmodus geschuldet als dem Glauben an deren Persönlichkeit?
Nun hatte also die CDU offenbar diese Forderung nach einer Frau okkupiert, jetzt musste ein Mann benannt werden, denn von Opposition lebt die Demokratie. Dumm nur, dass Angela Merkel auch hier wieder einen dicken Strich durch das Konzept zog und mit Christian Wulff doch wieder (und auch) einen Mann nominierte. Wer also hier taktierte, die Koalition oder die Opposition, kann wohl zumindest nicht einseitig festgestellt werden.
Jetzt haben wir also wieder zwei Männer-Kandidaten für das höchste Staatsamt, und es wird mindestens fünf Jahre (Gauck) oder gar zehn Jahre (Wulff) dauern, bis tatsächlich eine Frau ins Schloss Bellevue einziehen kann. In dieser Hinsicht schlechte Zeiten für Frauen-Power.
Wer aber nun ist der geeignetere Kandidat für das höchste Staatsamt? Gabriel Berger meint überzeugend, aus Sicht der Diktatur-Opfer wäre das der Bürgerrechtler Gauck. Aber wäre das nicht zu kurz gedacht? Abgesehen davon, dass wir – bei allem Respekt und offener Zuneigung - nicht unbedingt wieder einen Pensionär vorgesetzt bekommen müssen, hat auch Christian Wulff in der Vergangenheit ein erstaunliches Engagement für die Anliegen der Diktatur-Opfer gezeigt. Für mich beispielhaft unvergesslich im letzten Jahr die menschliche Zuwendung für den im Rollstuhl sitzenden Opfer-Vertreter Wolfgang Becker auf einer Veranstaltung in Braunschweig. Das war Herzenswärme und kein PR-Auftritt für die Medien (die gar nicht anwesend waren). Das Engagement für die Anliegen der Einheit, die notwendige Versöhnung zwischen den zwei Gruppen, den ehemaligen Bürgern der DDR und denen der alten Bundesrepublik, kann also kein unterscheidbares Kriterium sein. Welches aber dann?
Mit der Bundeskanzlerin hat eine ehemalige DDR-Bürgerin (und einstige FDJ-Sekretärin) das wichtigste, nämlich das die Politik bestimmende Amt besetzt. Gerade im Jahre 20 der Wiedervereinigung wäre es ein delikates Signal, zusätzlich einen ehemaligen DDR-Bürger in ein herausragendes hohes Staatsamt zu wählen. Solange beide Volksteile nicht miteinander versöhnt sind (der Erfolg der LINKEn scheint diese These zu bestätigen), solange sollte eine Ausgewogenheit in der Staatsspitze das ganze wiedervereinigte Volk repräsentieren.
Persönlich haben beide Kandidaten meine Sympathie. Entscheiden würde ich mich letztlich für Christian Wulff, der die notwendigen Kenntnisse des Polit-Betriebes einbringt, Erfolge vorzuweisen hat und – für dieses Amt äußerst wichtig - mit seinem Gegenkandidaten Herzenswärme und Menschlichkeit teilt. Und Wulff verhindert wohlmöglich eine Staatskrise. Denn sollte Joachim Gauck wider aller Erwartung und Erbsenzählerei in der bevorstehenden Bundesversammlung gewählt werden, was ja nun wirklich kein Unglück wäre, dann müsste nach Horst Köhler wohl die Bundeskanzlerin zurücktreten. Denn diesen Affront durch die eigene Gefolgschaft würde sie wohl kaum politisch überleben.
Immerhin ständen dann noch Christian Wulff, aber auch die vorübergehende Präsidenten-Kandidatin Ursula von der Leyen als Nachfolger zur Verfügung. Oder aber es gäbe vorzeitige Neuwahlen auf Bundesebene. Jedenfalls scheint es mir unter diesen Aspekten nicht angebracht, nur der Koalition Taktik bei der Kandidaten-Kür zu unterstellen. Auch die Opposition war und ist nicht frei von eigenen – legalen - Hoffnungen und Planspielen. So unwahrscheinlich die Realisierung aus heutiger Sicht erscheinen mag.
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