Kurras: Stasi-Mord, Totschlag oder nur Zufall?
Berlin, 1. Juni 2010/ts – Ein Jahr nach der neuerlichen Anzeige wegen Mordes gegen Karl-Heinz Kurras nahm die zuständige Generalstaatsanwaltschaft Stellung. „Wir untersuchen in der Strafsache nach wie vor intensiv,“ erklärte heute Oberstaatsanwalt Feuerberg in seinem Büro gegenüber dem Verein. Ein Ende der Ermittlungen könne gegenwärtig noch nicht abgesehen werden, da auch möglichst viele noch lebende Zeitzeugen einvernommen werden, „was die zeitliche Verzögerung erkläre“. Mögliche Vorwürfe einer Verschleppung wies Feuerberg zurück. Im Gegenteil beweise die „Wiederaufnahme der Ermittlungen“, dass der Generalstaatsanwalt „sehr wohl einen begründeten Ansatz gesehen hat, den Vorgang unter den jetzt bekannt gewordenen Details erneut zu prüfen“. Man könne davon ausgehen, dass dies mit der gebotenen Sorgfalt und dem ernsthaften Interesse an der Aufklärung der Umstände geschehe, die zum Tod des Studenten Ohnesorg geführt hätten.
Vor einem Jahr hatte ein Mitarbeiter der Birthler-Behörde der überraschten Öffentlichkeit mitgeteilt, aufgefundene Unterlagen würden eine langjährige Agenten-Tätigkeit des Karl-Heinz Kurras für das MfS belegen. Gegen den Mitarbeiter Helmut Müller-Enbergs hat die BStU inzwischen in der Sache eine Abmahnung erlassen, gegen die sich der Mitarbeiter nunmehr vor dem Arbeitsgericht zur Wehr setzt.
Kurras hatte am 2. Juni 1967 während der Protest-Aktionen gegen den Schah-Besuch in Berlin den Studenten Benno Ohnesorg erschossen und damit jahrzehntelange Unruhen ausgelöst. Als Kurras schließlich wegen Totschlags angeklagt und freigesprochen wurde, wusste nur das Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit um dessen Doppelfunktion in der West-Berliner Polizei und für die Stasi. Die Vereinigung 17. Juni hatte nach Bekanntwerden der Stasi-Tätigkeit Anzeige wegen Mordes gegen den ehemaligen Beamten der Berliner Polizei (Vorgangs-Nr.: 090521-2315-019621) erstattet. Der Verein seinerzeit: „Mord verjährt nicht. Wir sehen in der Anzeige die einzige Möglichkeit, die Ermittlungsbehörden zu neuen Untersuchungen zu veranlassen.“
Vor wenigen Tagen hatte Sven Felix Kellerhoff in der Tageszeitung DIE WELT berichtet, dass die BStU die fraglichen Kurras-Akten nicht erst 2009 entdeckte, „sondern bereits viermal in Bearbeitung hatte – nämlich 1994, 2002, 2003 und 2006“. Der Vorgang sei „über viele Schreibtische in der Behörde gegangen,“ so Kellerhoff. Erst Müller-Enbergs habe offenbar die Brisanz der aufgefundenen Akten erkannt.
Die Vereinigung 17. Juni wird neben anderen Opferverbänden der SED-DDR-Diktatur am 2. Juni im stillen Gedenken an den tragische Tod von Benno Ohnesorg am Denkmal vor der Deutschen Oper einen Kranz niederlegen. Sie fordert erneut, „im Jahr eins nach Kurras“ eine Neu-Textung auf der Erinnerungstafel am Tatort. Bis heute fehle dort der Hinweis auf die Stasi-Tätigkeit des Polizei-Täters. „Dies sei aber unabdingbar für eine korrekte Beschreibung des fürchterlichen Geschehens vom 2. Juni 1967.“
V.i.S.d.P.: Tatjana Sterneberg, Vereinigung (AK) 17. Juni 1953 e.V., Berlin, Tel.: 030-30207778